Binge-Eating-Störung

Was ist eine Binge-Eating-Störung?

Typisches Kennzeichen der Binge-Eating-Störung (BES, engl. Binge Eating Disorder BED) sind regelmäßig auftretende Essanfälle. Betroffene, die unter einer Binge-Eating-Störung leiden, nehmen in kürzester Zeit sehr große Mengen kalorienreicher Nahrung und Getränke zu sich. Sie erleben die Heißhungerattacken dabei als unkontrollierbar und verspüren kein Hunger- oder Sättigungsgefühl. Auch essen sie oft schneller als gesunde Menschen und sind nicht dazu in der Lage zu steuern, was oder wie viel sie essen oder trinken. Aus Scham essen Betroffene häufig allein und versuchen, die Essanfälle vor ihrer Umwelt zu verbergen. Nicht selten leiden sie nach solchen Essattacken unter schweren Schuld- oder Unzulänglichkeitsgefühlen, erleben Selbstekel und fühlen sich traurig.

Im Gegensatz zur Bulimie werden nach einem Essanfall keine Gegenmaßnahmen zur Gewichtsregulation ergriffen. Daher führt die Binge-Eating-Störung langfristig meist zu Übergewicht.

Wie häufig tritt die Binge-Eating-Störung auf?

Studien in den USA haben gezeigt, dass circa 2 % der Allgemeinbevölkerung unter einer Binge-Eating-Störung leiden. In Europa ist von ähnlichen Zahlen auszugehen. Etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen sind Männer, zwei Drittel Frauen. Im Gegensatz zur Anorexie und zur Bulimie tritt die Binge-Eating-Störung in allen Altersgruppen gleich häufig auf.

Worin besteht der Unterschied zwischen einer Binge-Eating-Störung und Übergewicht?

Tatsächlich ist ein großer Teil der Menschen, die unter einer Binge-Eating-Störung leiden, übergewichtig. Es wurde aber festgestellt, dass nur ein Drittel der übergewichtigen Menschen zugleich unter Essanfällen leidet. Zwei Drittel der Übergewichtigen nehmen dagegen kontinuierlich über den Tag verteilt mehr Kalorien zu sich, als sie verbrauchen.

Wie entsteht die Binge-Eating Störung?

Bisher sind die Ursachen für die Binge-Eating-Störung noch nicht ausreichend erforscht. Es ist davon auszugehen, dass ebenso wie bei Magersucht und Bulimie ein Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren für die Entstehung der Störung verantwortlich ist.

Wer ist besonders gefährdet?

Das Risiko, eine Binge-Eating-Störung zu entwickeln, ist erhöht, wenn eine Person in der Vergangenheit unter depressiven Episoden litt. Die Hälfte aller Menschen, die an einer Binge-Eating-Störung erkrankt sind, leiden oder litten unter Depressionen.

Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass Essanfälle oft mit den Gefühlen von Wut und Traurigkeit oder dem Erleben von Langeweile, Sorgen und Stress in Zusammenhang stehen. Die Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reichen oft nicht aus, um mit Stressoren und Gefühlen angemessen umzugehen.

Weitere Studien haben zu der Erkenntnis geführt, dass das Risiko, an einer Binge-Eating-Störung zu erkranken, erhöht ist, wenn Eltern oder Geschwister ebenfalls von einer Binge-Eating-Störung betroffen waren oder sind.

Auch biographische Faktoren wie negative oder traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend oder häufige abwertende Kommentare zu Figur, Gewicht oder Essverhalten der Betroffenen im Kindes- und Jugendalter scheinen die Entstehung einer Binge-Eating-Störung zu begünstigen.

Wie findet man heraus, ob man unter einer Binge-Eating-Störung leidet?

Anhaltspunkte für eine beginnende Binge-Eating-Störung können sein: 

  • Unzufriedenheit mit Körpergewicht und Figur
  • Sorgen um Gewicht und Figur
  • heimliches Essen
  • auffallend schnelles Essen ("Schlingen") der Nahrung
  • Horten von Lebensmitteln
  • Verbergen von Lebensmittelverpackungen und -abfällen
  • Schuld- oder Schamgefühle
  • Rückzugsverhalten

Oft ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Um herauszufinden, ob man an einer Binge-Eating-Störung erkrankt ist, bedarf es jedoch einer gründlichen Diagnostik durch einen Arzt oder Psychotherapeuten.

Betroffenen und ihre Angehörige können sich durch spezialisierte Beratungsstellen  telefonisch oder persönlich beraten lassen.

Der SCOFF-Selbsttest kann erste Hinweise darauf geben, ob eine Essstörung vorliegt. Einen Termin bei einem Arzt oder Psychologen kann er aber auf keinen Fall ersetzen.

Was können Freunde oder Angehörige tun?

Sind Anzeichen einer Binge-Eating-Störung erkennbar, sollte dies direkt, aber behutsam angesprochen werden. Dabei kann es passieren, dass die Betroffenen zunächst ein Gespräch ablehnen. Es ist jedoch sinnvoll, das Thema weiterhin anzusprechen und Unterstützung anzubieten.

Angehörige psychisch Erkrankter sind häufig ebenfalls stark belastet. Als Partner, Elternteil, Freund oder Freundin einer/eines Betroffenen ist man gefordert. Dennoch ist es wichtig, sich nicht zu überfordern oder zu überlasten. Daher kann es unter Umständen auch für Angehörige sinnvoll sein, sich an spezialisierte Beratungsstellen für Esstörungen, an Haus- oder Fachärzte oder an Psychotherapeuten zu wenden.

Quellen:

Selbsthilfe und Ratgeber für Betroffene und Angehörige

Backmund, H. & Gerlinghoff, M. (2005). Ess-Störungen, ein Ratgeber für Angehörige. Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Bryant-Waugh, R. & Lask, B. (2008). Ess-Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Rat und Hilfe für Eltern. Huber Verlag, Mannheim.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Essstörungen. Verfügbar unter http://www.bzga-essstoerungen.de/ [Stand: 25.08.2011]

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM) & Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) (2010). Diagnostik und Therapie von Ess-Störungen. Hier verfügbar.  [Stand: 25.08.2011]

Zeeck, A., Herpertz, S., & DGESS (Hrsg.). (2015). Patientenleitlinie: Diagnostik und Behandlung von Essstörungen. Verfügbar unter: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-026p_Essstoerungen_2015-06.pdf [Stand: 25.06.2015]

Verfasst von: Dipl.-Psych. Katarina Rafailovic, Dr. rer. med. Kathrin von Rad, Dipl.-Psych. Maddalena Rossi, Dipl.-Psych. Angelika Weigel, Psychologin M.Sc. Hanna Wendt, Prof. Dr. med. Bernd Löwe, Prof. Dr. med. Georg Romer (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)

Datum der Erstellung: 27.06.2012

Datum der letzten inhaltlichen Überarbeitung: 25.06.2015

Datum der nächsten inhaltlichen Überarbeitung: 30.11.2015

Kontaktperson: Dipl.-Psych. Denise Kästner d.kaestner@uke.de