Magersucht

Was ist Magersucht (Anorexia nervosa)?

Die 18-jährige Lara hat in den letzten Wochen durch eine strenge Diät und viel Sport stark an Gewicht verloren. Versuche ihrer Eltern, sie zum Essen zu bewegen, werden von Lara vehement abgelehnt. Sie selbst hat das Gefühl, übergewichtig zu sein, obwohl sie inzwischen deutlich untergewichtig ist. Zudem hat sie große Angst davor, wieder zuzunehmen.

Typisches Kennzeichen der Magersucht (in der Fachsprache Anorexia nervosa oder Anorexie genannt) ist starkes Untergewicht. Die Betroffenen finden sich trotz ihres Untergewichts zu dick und leben in ständiger Angst, dass sie zunehmen könnten. Um ihr Gewicht zu reduzieren oder ihr Untergewicht zu halten, halten sie streng Diät, treiben sehr viel Sport, nehmen Abführmittel oder erbrechen.

Durch das Untergewicht kann es zu Veränderungen des Hormonhaushalts kommen. Viele magersüchtige Mädchen und Frauen haben keine Regelblutung mehr und leiden unter sexueller Unlust. Betroffene Jungen und Männer leiden zusätzlich häufig unter Impotenz.

Einige Betroffene haben auch Essanfälle, bei denen sie große Mengen an Nahrung in relativ kurzer Zeit zu sich nehmen. Um nicht zuzunehmen, steuern die Betroffenen nach dem Essanfall dagegen: sie erbrechen sich, nehmen Abführmittel (Laxantien), Entwässerungsmittel (Diuretika) oder andere Medikamente, die einen Einfluss auf die Gewichtsregulation haben. Der Unterschied zur Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt, zu der ebenfalls Essanfälle und anschließendes Gegensteuern gehören, besteht in dem für Magersucht charakteristischen starken Untergewicht.

Wie häufig tritt Magersucht auf?

Magersucht ist eine eher seltene Erkrankung. Von 100 Menschen leidet im Durchschnitt etwa eine Person an Magersucht. Deutlich häufiger tritt jedoch die „nicht näher bezeichnete Essstörung“ auf. Hierunter fallen Betroffene, die zwar entsprechende Symptome (Krankheitszeichen) zeigen, jedoch nicht in ausreichendem Umfang, um die Diagnose Magersucht zu rechtfertigen. Entsprechenden Untersuchungen zufolge liegen bei 19 von 100 Menschen Symptome einer Essstörung vor.

Ist Magersucht heilbar?

Magersucht ist behandelbar. Etwa 40 bis 60 von 100 Erkrankten erlangen durch Psychotherapie wieder ein vollkommen normales Essverhalten. Eine Besserung der Krankheitszeichen wird von den meisten Betroffenen erreicht. Bei ungefähr 30 von 100 Betroffenen bleibt die Magersucht dauerhaft bestehen. Das Risiko, an einer Magersucht zu sterben, ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen aufgrund der zum Teil schwerwiegenden körperlichen Folgen und des erhöhten Suizidrisikos hoch. 

Wie entsteht Magersucht?

Gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse wie das westliche schlankheitsbetonte Schönheitsideal und die ständige Verfügbarkeit kalorienreicher Nahrung spielen bei der Entstehung der Magersucht eine Rolle. Auch biologische Faktoren (z.B. Vererbung), persönliche und lebensgeschichtliche Bedingungen tragen dazu bei, dass eine Essstörung wie Magersucht entstehen kann.

Wer ist besonders gefährdet?

Frauen zeigen gegenüber Männern ein etwa zehnfach erhöhtes Risiko, an einer Magersucht zu erkranken. Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren ist die Gefahr am höchsten. Freizeit- und Spitzensportler, die Sportarten betreiben, in denen das Aussehen und die Figur eine besondere Rolle spielen oder in denen bestimmte Gewichtsklassen gelten, unterliegen ebenfalls einem erhöhten Risiko. Auch eine enge verwandschaftliche Bezeihung zu Erkrankten scheint das Risisko für eine Magersucht zu beeinflussen. So haben weibliche Angehörige ersten Grades von Magersüchtigen, also Töchter magersüchtiger Mütter oder Schwestern von Betroffenen, ein etwa elfmal erhöhtes Risiko, an einer Magersucht zu erkranken.

Wie findet man heraus, ob man magersüchtig ist?

Anhaltspunkte für eine beginnende Essstörung können sein:

  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Essverhalten 
  • Untergewicht 
  • Sorgen um das eigene Gewicht, die Figur und die Ernährung
  • heimliches Essen, Erbrechen oder Essanfälle

Magersucht entsteht nicht von heute auf morgen. Es ist sehr wichtig, dass Betroffene frühzeitig Hilfe suchen, damit rechtzeitig eine Behandlung eingeleitet werden kann. Bei einem ersten Beratungstermin (z. B. bei einem Psychologen oder Psychotherapeuten bzw. Arzt) findet ein ausführliches Gespräch statt. Zusätzlich sollte eine körperliche Untersuchung erfolgen. Je nach Untersuchungsergebnis wird entschieden, welche weiterführende Behandlung zu empfehlen ist.

Grundsätzlich gilt: je früher eine Anorexie erkannt wird, desto höher ist die Chance, sie erfolgreich zu behandeln. 

Betroffene und ihre Angehörigen können sich durch spezialisierte Beratungsstellen telefonisch oder persönlich beraten lassen. 

Der SCOFF-Selbsttest kann erste Hinweise darauf geben, ob eine Essstörung vorliegt. Einen Termin bei einem Arzt oder Psychologen kann er jedoch auf keinen Fall ersetzen.

Was können Freunde oder Angehörige tun?

Sind Anzeichen einer Magersucht erkennbar, sollte dies direkt, aber behutsam angesprochen werden. Dabei kann es passieren, dass die Betroffenen zunächst ein Gespräch ablehnen. Es ist jedoch sinnvoll, das Thema weiterhin anzusprechen und Unterstützung anzubieten.

Angehörige psychisch Erkrankter sind häufig ebenfalls stark belastet. Als Partner, Elternteil, Freund oder Freundin einer/eines Betroffenen ist man gefordert. Dennoch ist es wichtig, sich nicht zu überfordern oder zu überlasten. Daher kann es unter Umständen auch für Angehörige sinnvoll sein, sich an spezialisierte Beratungsstellen für Essstörungen, an Haus- oder Fachärzte oder an Psychotherapeuten zu wenden.

Quellen:

Selbsthilfe und Ratgeber für Betroffene und Angehörige

Backmund, H. & Gerlinghoff, M. (2005). Ess-Störungen, ein Ratgeber für Angehörige. Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Bryant-Waugh, R. & Lask, B. (2008). Ess-Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Rat und Hilfe für Eltern. Huber Verlag, Mannheim.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Essstörungen. Verfügbar unter http://www.bzga-essstoerungen.de/ [Stand: 25.08.2011]

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM) & Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) (2010). Diagnostik und Therapie von Ess-Störungen. Hier verfügbar.  [Stand: 25.08.2011]

Zeeck, A., Herpertz, S., & DGESS (Hrsg.). (2015). Patientenleitlinie: Diagnostik und Behandlung von Essstörungen. Verfügbar unter: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-026p_Essstoerungen_2015-06.pdf [Stand: 25.06.2015]

Verfasst von: Dipl.-Psych. Katarina Rafailovic, Dr. rer. med. Kathrin von Rad, Dipl.-Psych. Maddalena Rossi, Dipl.-Psych. Angelika Weigel, Psychologin M.Sc. Hanna Wendt, Prof. Dr. med. Bernd Löwe, Prof. Dr. med. Georg Romer (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)

Datum der Erstellung: 27.06.2012

Datum der letzten inhaltlichen Überarbeitung: 25.06.2015

Datum der nächsten inhaltlichen Überarbeitung: 30.11.2015

Kontaktperson: Dipl.-Psych. Denise Kästner