Psychologische Diagnostik

Psychologische Diagnostik im Bereich Essstörungen besteht zum einen aus einem ausführlichen Anamnesegespräch und zum anderen aus einer differenzierten Testdiagnostik1.

Screening-Instrumente

Screening-Instrumente dienen dazu, Personen aus einer Population herauszufiltern, bei denen das Vorliegen einer bestimmten Erkrankung wahrscheinlich ist. Ist ein Screening positiv verlaufen, so sollte weitere Diagnostik zur Absicherung der Diagnose folgen.

SCOFF

Im Bereich Essstörungen eignet sich als Screening-Instrument insbesondere der SCOFF, welcher ursprünglich zum Einsatz in Hausarztpraxen und als Selbsttest entwickelt wurde. Dieser Test besticht vor allem durch seine Einfachheit, denn er besteht aus lediglich fünf Fragen, die dichotom mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden sollen. Jede bejahte Antwort wird mit einem Punkt versehen, so dass ein maximaler Punktwert von fünf Punkten erreicht werden kann. Ab einem Wert von mindestens zwei Punkten ist das Vorliegen einer Essstörung wahrscheinlich, und weitere Diagnostik sollte folgen2.

Klinische Interviews

Klinische Interviews mit vorgegebenen Fragen und der Möglichkeit, die Antworten des Patienten gemäß den Diagnosekategorien zu verschlüsseln, wurden entwickelt, um abgesicherte Diagnosen stellen zu können. Sie sollten bei einem Verdacht auf eine Essstörung unbedingt zum Einsatz kommen. Sie können jedoch nur von geschulten Fachkräften durchgeführt werden.

IDCL

Die Internationalen Diagnose-Checklisten ermöglichen erfahrenen Ärzten und Psychologen eine zeitökonomische Diagnostik nach ICD-10 bzw. DSM-IV. Es sind Checklisten für 32 psychische Störungsbilder vorhanden, darunter auch für verschiedene Essstörungen. Die Interrater-Reliabilität der IDCL ist befriedigend bis gut. Die Diagnose-Checklisten sollten jedoch möglichst nur dann zum Einsatz kommen, wenn ein strukturiertes klinisches SKID-I- oder DIPS-Interview als zu aufwendig erscheint3.

SKID-I

Im Rahmen des SKID-I-Interviews werden alle psychischen Störungen abgefragt, wie sie im Diagnostischen und Statistischen Manual für Psychische Störungen der APA (DSM-IV) auf der Achse I definiert sind. Die Durchführung setzt eine psychologische Grundausbildung und ein Training voraus. Die Interrater-Reliabilität kann bei geschulten Fachleuten als gut bis sehr gut eingestuft werden. Die Durchführungszeit beträgt ca. 80-180 Minuten. In der Sektion H des SKID-I-Interviews wird die Essstörungssymptomatik systematisch erfasst. Besonders bewährt hat sich das SKID-I-Interview außerdem zur Erfassung der psychiatrischen Komorbidität4.

DIPS

Im DIPS-Interview werden alle psychischen Störungen abgefragt, wie sie auf der Achse I im Diagnostischen und Statistischen Manual für Psychische Störungen der APA (DSM-IV) sowie in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO (ICD-10) definiert sind. Die Interrater-Reliabilität kann als gut bis sehr gut eingestuft werden. Die Durchführung des DIPS-Interviews erfordert ca. 60-160 Minuten. Die Anwendung des DIPS setzt – wie auch beim SKID-I-Interview – eine psychologische Grundausbildung und ein Training voraus. Besonders bewährt hat sich das DIPS-Interview ebenfalls zur Erfassung der psychiatrischen Komorbidität5.

SIAB-EX

Im SIAB-EX werden alle essstörungsspezifischen Symptome sowie damit assoziierte Symptome wie Angst, Grübeln und Konzentrationsstörungen im Fremdbeurteilungsverfahren erfragt. Erfasst werden die Subskalen „Körperschema“, „Schlankheitsideal“, „Allgemeine Psychopathologie“, „Sexualität und soziale Integration“, „Bulimische Symptome“, „Gegensteuerndes Verhalten“ und „Atypische Essanfälle“ für aktuelle und für Lifetime-Symptomatik. Die Durchführungszeit des SIAB-EX beträgt etwa 30-60 Minuten. Der SIAB-EX ist für die Befragung von Jugendlichen und Erwachsenen geeignet. Die interne Konsistenz der Subskalen kann als gut bezeichnet werden6.

EDE-Q- und Ch-EDE-Q-Interview

Im EDE-Q-Interview wird die spezifische Psychopathologie von Essstörungen erfragt, und zwar auf den Subskalen “restraint eating”, “eating concern”, “weight concern” und “shape concern”. Zusätzlich ermöglichen 14 Items die diagnostische Differenzierung zwischen Anorexie, Bulimie und der Binge-Eating-Störung. Die Durchführungszeit beträgt 45 Minuten. Die Interrater-Reliabilität  ist als sehr gut zu beurteilen, die interne Konsistenz der Subskalen ist gut bis sehr gut.

Das Ch-EDE-Q-Interview ist die für Kinder und Jugendliche adaptierte Version des EDE-Q-Interviews, das die spezifische Psychopathologie von Essstörungen in kindgerechter Sprache erfasst.

Beide Interviews sind unter www.vfp-muenster.de/publikationen/online.html inklusive Manual und Auswertungsbogen kostenfrei herunterzuladen7.

Fragebögen

Fragebogendiagnostik im Bereich Essstörungen dient in der Regel der Feststellung der Schwere einer Erkrankung. Normalerweise werden diese Tests im Selbstbeurteilungsverfahren vom Patienten selbst ausgefüllt, gelegentlich aber auch im Fremdbeurteilungsverfahren durch einen Experten. Ein häufiges Einsatzgebiet von diagnostischen Fragebögen ist übrigens auch die Kontrolle des Therapieverlaufs anhand der Fragebogenwerte.

EDE-Q- und Ch-EDE-Q-Fragebogen

Entsprechend dem strukturierten EDE-Q-Interview wird die spezifische Psychopathologie von Essstörungen erfasst, und zwar ebenfalls auf den Subskalen „restraint eating“, „eating concern“, „weight concern“ und „shape concern“. Auch hier ermöglichen weitere 14 Items die differentialdiagnostische Abgrenzung von Anorexie, Bulimie und der Binge-Eating-Störung. Die Selbsteinschätzung im Rahmen des Tests erfolgt dabei für den Zeitraum der letzten 28 Tage. Die Durchführungszeit beträgt ca. 15 Minuten. Zur Auswertung können Skalenmittelwerte und/oder der Gesamtmittelwert berechnet werden. Der EDE-Q- bzw. Ch-EDE-Q-Test ist auch als Screening-Instrument und zur Verlaufskontrolle gut geeignet.

Beide Fragebögen sind unter www.vfp-muenster.de/publikationen/online.html inklusive Manual und Auswertungsbogen kostenfrei herunterzuladen7.

SIAB-S

Entsprechend dem strukturierten Interview  SIAB-EX  werden im SIAB-S alle essstörungsspezifischen Symptome sowie damit assoziierte Symptome wie Angst, Grübeln, Konzentrationsstörungen erfragt, jedoch im Selbstbeurteilungsverfahren. Erfasst werden mit 87 Items die Subskalen „Körperschema“, „Schlankheitsideal“, „Allgemeine Psychopathologie“, „Sexualität und soziale Integration“, „Bulimische Symptome“, „Gegensteuernde Maßnahmen“, „Atypische Essanfälle“ für die aktuelle und die Lifetime-Symptomatik. Die Durchführungszeit des Tests beträgt ca. 30 Minuten. Der SIAB-S ist für die Befragung von Jugendlichen und Erwachsenen geeignet. Die interne Konsistenz der Subskalen kann als hinreichend gut bezeichnet werden. Auch als Screening-Instrument und zur Verlaufskontrolle ist er gut geeignet6.

EDI-2

Der EDI-2 ist ein Fragebogen zur Erfassung von essstörungsspezifischen Symptomen. Er umfasst 91 Items und folgende 11 Skalen: „Schlankheitsstreben“, „Bulimie“, „Unzufriedenheit mit dem Körper“, „Insuffizienzerleben“, „Perfektionismus“, „Misstrauen“, „Interozeption“, „Angst vor dem Erwachsenwerden“, „Askese“, „Impulsregulation“ und „Soziale Unsicherheit“. Die interne Konsistenz zeigte sich in klinischen Stichproben als gut bis sehr gut. Als Screening-Instrument und zur Verlaufskontrolle ist er gut geeignet8.

FEV

Der Fragebogen zum Essverhalten (FEV) umfasst 44 Items, die sich auf drei Subskalen verteilen: „Kognitive Kontrolle“, „Störbarkeit des Essverhaltens“ und „Erlebte Hungergefühle“. Die interne Konsistenz zeigte sich in Bevölkerungsstichproben als gut. Als Screening-Instrument und zur Verlaufskontrolle ist er gut geeignet9.

ABOS

Die ABOS ist ein Fremdeinschätzungsbogen zur Erfassung von Essstörungssymptomen bei Kindern und Jugendlichen aus Sicht der Eltern. Der Fragebogen umfasst 30 Items auf drei Subskalen: „Auffälliges Essverhalten“, „Bulimisches Verhalten“ und „Hyperaktivität“. Die interne Konsistenz der Gesamtskala sowie der Subskalen ist als gut einzuschätzen. Die Durchführungszeit beträgt 5-10 Minuten, die Auswertungszeit ca. 10 Minuten. Der Fragebogen ist geeignet zur Erfassung der Einschätzung der Eltern. Es liegt bisher keine Normierung vor10.

Quellen:

1 Schweiger, U., Salbach-Andrae, H., Hagenah, U. & Tuschen-Caffier, B.(2010). Diagnostik von Essstörungen. In: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (Hrsg.), Diagnostik und Therapie der Essstörungen (pp 33-69). Verfügbar unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-026l_S3_Diagnostik_Therapie_Essstoerungen.pdf  [Stand 30.04.12].

2 Morgan J.F., Reid, F. & Lacey, H. (1999). The SCOFF questionnaire: assessment of a new screening tool for eating disorders. British Medical Journal, 319, 1467-1468.

3 Hiller, W., Zaudig, M. & Mombour, W. (1995). IDCL – Internationale Diagnose-Checklisten für ICD-10 und DSM-IV. Huber: Bern.

4 Wittchen, H. U., Zaudig, M. & Fydrich, T. (1997). Strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV (SKID). Göttingen: Hogrefe.

5 Margraf, J., Schneider, S. & Ehlers, A. (1994). Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen (DIPS). Berlin: Springer.

6 Fichter, M. & Quadflieg, N. (2001). Das Strukturierte Inventar für anorektische und bulimische Essstörungen nach DSM-IV und ICD-10 zur Expertenbeurteilung (SIAB-EX) und dazugehöriger Fragebogen zur Selbsteinschätzung (SIAB-S). Verhaltenstherapie, 11, 314-325.

7 Hilbert, A. & Tuschen-Caffier, B. (2006). Eating Disorder Examination Questionnaire: Deutschsprachige Übersetzung. Münster: Verlag für Psychotherapie. Verfügbar unter www.vfpmuenster.de/publikationen/online.html [Stand 30.04.12].

8 Paul, T. & Thiel, A. (2004). EDI-2. Eating Disorder Inventory-2. Göttingen: Hogrefe.

9 Pudel, V. & Westenhöfer, J. (1989). Fragebogen zum Essverhalten (FEV). Göttingen: Hogrefe.

10 Salbach-Andrae, H., Schneider, N., Holzhausen, M., Frieler, K., Bohnekamp, I. & Thiels, C. (2009). The German version of the Anorectic Behavior Observation Scale (ABOS). European Child and Adolescent Psychiatry, Online-Publikation.